Was ist das für eine Flagge?!

Was ist das für eine Flagge?!

12. Oktober 2020 0 Von Herzbrille

Gestern habe ich eine Anfrage von der Magnus Hirschfeld Stiftung bekommen: Die Stiftung ist auf eine Flagge aufmerksam geworden, die ich für BiBerlin (Berliner Verein, der sich für bisexuelle Sichtbarkeit einsetzt) designt habe und wollte sie zum diesjährigen Coming-Out-Day auf Social Media posten. Darüber habe ich mich natürlich gefreut. Hier ist der Tweet:

Heute haben mich mehrere Leute kontaktiert und gefragt, was es denn mit dieser mysteriösen Flagge auf sich hat. Also, eine kurze Erklärung.

Für die Twitter-Präsenz von BiBerlin e. V., habe ich mir ein Format überlegt: Jeden Mittwoch twittert der Account eine kurze Definition und die dazugehörige Pride-Flagge einer nicht-monosexuellen Identität, die Teil des „Bi+ Umbrellas“ ist: Neben Bi-, Pan- oder Polysexualität sind auch weniger bekannte Identitäten wie lesbiflexibel, bisensuell, abrosexuell oder multisexuell dabei. (Tipp: Einfach auf Twitter den Hashtag #BiUmbrella durchstöbern). Es geht bei dieser Idee darum die Vielfalt nicht-monosexueller Identitäten zu feiern.

Irgendwann hatte ich alle mir bekannten Labels abgeklappert und bin kreativ geworden: Welches nicht-monosexuelle Begehren gibt es noch? Wie könnte man es visuell ausdrücken? Dabei habe ich mich gefragt: Was ist, wenn man als nichtbinäre Person, die sich sowohl als männlich als auch als weiblich identifiziert, gleichzeitig lesbisch und schwul begehrt? Um das auszudrücken habe ich die Non-Binary-Flagge mit der lesbischen, schwulen und bisexuellen Flagge kombiniert: Voilà!

Nun wird der eine oder die andere fragen, wie ich überhaupt auf dieses Begehren gekommen bin. Die Antwort ist, dass ich mich zum Teil selbst so empfinde, auch wenn ich mit dem Bi-Label und der Bi-Flagge zufrieden bin. Abgesehen davon sind mir einige Menschen begegnet, die ihr Begehren auf ähnliche Weise beschrieben haben: Sie sind bisexuell, aber auch ihr Geschlecht ist fluide. In romantischen oder sexuellen Begegnungen mit Männern empfinden sie ihr Geschlecht als männlich und ihr Begehren als schwul. In Begegnung mit Frauen ist ihr Geschlecht weiblich und das Begehren lesbisch. Ich kenne keinen Namen für diese konkrete Konstellation – falls euch einer einfällt, sagt Bescheid!

Das alles ist nicht neu: Comic-Künstler*in Anna Heger erklärte bereits 2012 im Mini-Comic „Flaschenkürbistheorie“ das gleiche Phänomen. Außerdem trifft dieses Begehren auch auf einige Girlfags zu. Girlfag wird oft mit „Schwule Frau“ übersetzt: Also, eine Frau, die ihr Begehren für Männer als schwul empfindet. Die Realität ist aber komplexer: Viele Girlfags sind auf dem Non-Binary-Spektrum und/oder trans-maskulin. Es ist also nicht abwegig, dass sich ein nichtbinäres, bisexuelles Girlfag einerseits männlich und schwul und andererseits weiblich und lesbisch fühlt. Bei Guydykes, dem lesbischen Pendant, kann diese Konstellation sicherlich auch vorkommen, ebenso bei anderen nichtbinären Identitäten.

Wenn neue queere Mikrolabels oder Flaggen auftauchen, kriegen einige Leute gleich Schnappatmung: „Müssen wir uns etwa noch mehr merken?!“, „Hört das nie auf?!“ Das geht meiner Meinung nach komplett am Punkt vorbei. Mit den Labels können Queers besser verstehen, wer sie sind, sich vernetzen und erfahren so, dass sie nicht allein sind. What’s not to like? Die Labels sehe ich nicht als statisch oder als klar voneinander abgrenzbar. Genauso wie man Bi- und Pansexualität nicht klar voneinander abgrenzen kann, selbst wenn das einige behaupten. Queere Labels – oder Flaggen, die ein sehr spezifisches Begehren ausdrücken, sollten helfen und Verständnis fördern, nicht einschränken und zu starren Kategorien verkommen. Ich hoffe, dass mein Flaggen-Design genau das für einige Menschen getan hat. 🙂


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